Kohlrübenmarsch - extrem entspannend

1989, vor der Wende haben wir uns aufgemacht - als es noch richtige Winter gab. Mit Jungs und Schlitten. Am Zielort, im Waldschluchtpfad gabīs Kohlrüben nach drei verschiedenen Rezepten: Mit Möhren und Schweinerippchen, mit Kasseler und natürlich mit Gänseschmalz und Gänsebrust. Manche sagen: bisher ungetoppt. Dabei hatte später jeder Wirt seine besondere Variante. Zu Beginn gabīs auch Absagen, später nahmen Wirte das Kohlrübenangebot sogar blitzartig in ihre Speisekarte auf (mit geringen Aufpreisen,versteht sich).

Kohlrüben sind der Inbegriff von natürlicher Ernährung, von Winter, ja, auch von Erinnerung an schwierige Zeiten. Gepaart mit einem ausdauernden Fußmarsch, mit Gesprächen darüber, warum die Welt nicht so ist, wie sie sein soll, mit Hallotri und Zähnezusammenbeißen, werden Kohlrüben zu einem Erlebnismenü besonderer Art. Auf den Kohlrübenmärschen hat der eine entdeckt, dass sein potentieller Partner ein Weichei ist, hat ein anderer von seinem Bruder Erlebnisse gehört, die er noch nicht kannte, hat ein Fragender endlich einmal den Versuch einer Antwort erlebt.

Kohlrübenmarsch ist wie das richtige Leben: Begeistertes Beginnen und übermütiges Zuprosten, Erstes Durchtatmen nach fünfzehn Kilometern. Das Kohlrübenmahl verdrängt die Ermüdung, aber dann - wer nennt die Qualen der letzten fünf, zehn oder - wenn schlecht geführt - fünfzehn Kilometer.

Die Idee kommt aus Ostfriesland und hat doch Lokalkolorit. Das liebenwerte Grebesche "Brandenborg", rund um Berlin, ist der immer wieder neue Erlebnisort. Den Kohlrübenmarsch kann es nur in Brandenborg geben, mit seinen schmatzigen Waldwegen, den scheinbar unüberbrückbaren Bahndämmen, seinen fußschmerzenden Alleen und den stummen Bahnhöfen.

Kohlrübenmarsch ist, wenn eine Horde von höchstqualifizierten Geodäten (oder wie sich diese akademisierten Vermesser schimpfen) die Truppe in den Sumpf führt.

Kohlrübenmarsch ist, wenn alle über einen hohen Zaun klettern und der letzte das Tor aufschließt.

Kohlrübenmarsch ist, wenn man von Petzow nach Ferch über den gefrorenen Schwielowsee stakst. Kohlrübenmarsch ist das Vergnügen, dem Alten Fritz zu begegnen oder sich von einem vermeintlichen Ortskundigen verarschen zu lassen. Kohlrübenmärschler fahren schlaftrunken mit dem Bus, sie besuchen das Gotische Haus in Paretz situationsgerecht mit Fliegenoutfit, sie residieren im Wendemärschenschloß Gusow und sie tafeln februarmäßig in freier Wildbahn.

Kohlrübenmarsch ist Lumumba-Rolf, wenn er es schafft, seine wertvolle Fracht bis zum Marschbeginn durchzubringen. Kohlrübenmarsch wird von Beefi-Andy betreut, von Thomas mit seinen Knoblauchextrembuletten heimgesucht und von Ulis eingelegten Birnen und Günters Selbstgebrannten beglückt.

Kohlrübenmarsch ist Entspannung pur - und das regelmäßig über mehr als fünfundzwanzig Kilometer.

Und ohne Frauen - wie gesagt - entspannend.

Walter Schwenk